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Genderorientierte Mediendidaktik - Anspruch und Wirklichkeit

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Das Werkstattgespräch zur genderorientierten Mediendidaktik, das Im Rahmen der Projekte "fit-in-e-business" und "LeaNet für Frauen in Schule und Bildung" durchgeführt wurde, ist jetzt erschienen. Cornelia Lins analysiert die unterschiedlichen Zugangsweisen von Frauen und Männern zur Technik auf dem Hintergrund der Erfahrungen im Projekt "Frauen ans Netz".

Welche Unterschiede gibt es zwischen Frauen und Männern beim Zugang zu den neuen Medien und der Nutzung? Gibt es sie auch zwischen Frauen in geschlechtshomogenen und inhomogenen Gruppen?

Unterschiede lassen sich bei den Vorerfahrungen, im computerbezogenen Verhalten, bei der Einstellung und Einschätzung der eigenen Kompetenz im Umgang mit dem Computer sowie bei Lernstrategien und im Lernprozess feststellen.

Bei den Vorerfahrungen weisen Männer häufig eine intensivere Nutzung des Computers auf als Frauen. Männliche Personen haben durch den Beruf einen früheren Einstieg in die Welt der Computer als Frauen und beschäftigen sich somit häufig schon längere Zeit mit dem neuen Medium. Die Einstellung zum Computer, so haben verschiedene Studien herausgefunden, ist abhängig von der Dauer der gesammelten Erfahrungen. Die von Dickhäuser (Dickhäuser 2001: 13 ff) bewerteten Studien wurden danach befragt, wie die Einstellungen gegenüber der Computernutzung sind. Folgende Dimensionen wurden betrachtet:

  • Affekt (emotionale Reaktion auf Computer)
  • Überzeugungen hinsichtlich Implikationen von Computern (z.B. Annahme über negative soziale Auswirkungen),
  • wahrgenommene eigene Fähigkeiten (Kompetenzen) und
  • Stereotypisierung (z. B. die Annahme, dass Männer eher geeignet seien für den Umgang mit Technik)

Auch wenn auf dem ersten Blick der Eindruck gewonnen werden kann, dass sich die Geschlechter bei beinahe allen berücksichtigten Dimensionen und Kategorien des Technologiebezugs unterscheiden, so lassen sich jedoch das Ausmaß der Geschlechtsunterschiede gemessen an den Effektstärken als mäßig bis gering einstufen. Die größten Unterschiede bestehen bei den Einstellungen, bei der Geschlechtstypisierungen von Computern und beim Selbstkonzept eigener Fähigkeiten (Thoma, 2004: 61). Bei der Geschlechtstypisierungen ist interessant, dass eher Männer computerbezogene Aktivitäten als maskulin wahrnehmen als dies Frauen tun.

Unterschiede bei der Einschätzung der eigenen Kompetenz im Umgang mit den neuen Medien werden von der Wissenschaft als auch aus der Praxis bestätigt. Dickhäuser hat dies sehr schön an dem Beispiel der sich nicht öffnenden Diskette beschrieben. Männliche Personen vermuteten als Ursache, dass die Diskette defekt ist, wogegen weibliche Personen, die Ursache ?mangelnder Kenntnis? zuordneten.

Ergebnisse der Ausbildungsbegleitforschung des Projekts "idee-it" zeigen, dass 40 Prozent der Frauen, aber nur ca. 13 Prozent der Männer Bedenken äußerten, sich für eine Ausbildung in den neuen Berufen zu entscheiden. In der geringen Selbsteinschätzung wird mit ein Grund für die geringe Beteiligung der Frauen an den neuen IT-Berufen gesehen (vgl. Frauen geben Technik neue Impulse 2003: 76). Eine weitere Ursachen sind in unterschiedliche Bekräftigungen durch Sozialisationspersonen als Ursache für computerbezogenen Einstellungen zu sehen.

Aus der Weiterbildungspraxis wird berichtet, dass die Frauen ihre Kenntnisse und Fähigkeiten im Umgang mit dem Computer häufig geringer einschätzen als dies Männer tun, auch bei einem besserem Kenntnisstand.

Es gibt weitere Faktoren, die im Umgang mit den neuen Medien eine wichtige Rolle spielen und die Polarisierung der Geschlechter aufheben: Alter, Bildungshintergrund sowie berufliche Erfahrung mit Computern und Einkommen. Beispielsweise spielt das Alter beim Zugang zum Internet eine entscheidende Rolle.

Beim Zugang zum weltweiten Netz schneiden die jungen Frauen laut (N)ONLINER Atlas 2004 bis 19 Jahren sogar besser ab als die jungen Männer. In dieser Altersstufe nutzen 82,9 % der Frauen und 82,4 % der Männer das Internet. Doch mit zunehmendem Alter nimmt die Internetbeteiligung ab und die Schere zwischen den Geschlechtern wird größer. Insgesamt sind 50,4 % online, 42 % Frauen und 60 % Männer. Der Unterschied bei den Frauen und Männern zwischen 50 und 59 beträgt 18,4 Prozentpunkte. Auch in den höheren Altersklassen nimmt der Anteil der männlichen und weiblichen Onliner dramatisch ab, wobei die Frauen stärker davon betroffen sind.

Welche unterschiedlichen Lernstrategien verfolgen Frauen und Männer? Haben sie unterschiedliche Lern- und Kommunikationsstile?

Ausgehend vom Konzept des selbstgesteuerten Lernens wird das Lernen grundsätzlich nur durch das einzelne Individuum selbst vollzogen, wobei die Lernenden ihre biographischen Erfahrungen sowie ihren lebensweltlichen Kontext einbringen. Frauen und Männer bringen unterschiedliche Erfahrungen aus unterschiedlichen Lebenszusammenhänge mit. Wie oben schon erwähnt gibt es einige Unterschiede, die in den Lernprozess einwirken wie z.B. die eigene Kompetenzeinschätzung. Auch in der Motivation, eine Weiterbildungen zu machen, kann es Unterschiede geben. Berufliche Weiterbildungen werden für Frauen häufig nicht nur für das Fortkommen im beruflichen Kontext gesehen, sondern eher ganzheitlich als Persönlichkeitsentwicklung, die auch für den privaten Bereich von Bedeutung ist.

Frauen möchten keinen Unterricht, in dem die Technik im Mittelpunkt steht. Sie möchten wissen, welchen Gebrauchswert die Technik für sie hat. Sie möchten gezielt an das Medium herangeführt werden.

Männliche Lernkultur Weibliche Lernkultur

  • Tendenz zu dominantem Verhalten im Unterricht
  • Häufigere Übernahme der Steuerung von Gesprächsthemen
  • Häufigere und längere Redebeiträge
  • Häufigeres Entwickeln von Durchsetzungsstrategien
  • Imponiergehabe und Konkurrenzverhalten
  • Aufbau und Pflege von Konkurrenzbeziehungen
  • Tendenz zu kooperativer Orientierung
  • Kürzere Redebeiträge
  • Eher Übernahme der Gesprächsarbeit
  • Offenheit für andere Vorschläge und größere Kooperationsbereitschaft
  • Diskussionsbereitschaft, Hilfestellung für andere
  • Achten auf gerechte Verteilung von Aufgaben, Bevorzugung von Gruppenarbeit

Tab. Lernkultur vgl. Derichs-Kunstmann et al. 1999:184

Worin liegen die Gründe für eine noch zu geringe Lernkultur im Netz? Liegt es an den Zielgruppen? Liegt es an der ?Architektur? der Lernangebote? Liegt es an der Lernberatung bzw. Lernwegbegleitung? Sind Frauen davon anders betroffen als Männer?

Frauen und nicht wenige Männer stehen einem subjektorientierten Lernprozess offener gegenüber, in dem Lerninhalte und Lernstrategien in einem Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten und Lehrenden durch einen interaktiven Prozess vermittelt werden. Die Lernkultur und Architektur von E-Learning-Angeboten hat sich in den Anfängen sehr am technisch Machbaren orientiert und weniger an neueren pädagogischen Ansätzen, die neben kognitiven auch metakognitive und motivationale Aspekte zum Grundsatz für selbstgesteuertes Lernen in einer Gesellschaft des lebensbegleitenden Lernens hervorheben.

Vielfach wurde in der wissenschaftlichen und auch ExpertInnen-Diskussion das Vorhandensein von E-Learning-Angeboten als Form des selbstgesteuerten Lernens betrachtet, da sich für die Lernenden die Möglichkeit eröffnet, sich on demand nach eigenen zeitlichen Bedürfnissen Lerninhalte anzueignen. Diese Sichtweise ist aber wesentlich zu kurz gegriffen, da die Architektur der E-Learning-Angebote häufig auf ein mechanistisches Verständnis des Lehr-Lern-Prozesses aufbauen, dass die Lernenden den vorgegebenen Lernstoff nach dem Prinzip des Nürnberger Trichters einfach in sich aufnehmen. Die Konzeption des selbstgesteuerten Lernen basiert demgegenüber auf die Eigenverantwortung und aktive Gestaltung des Subjekts für den eigenen Lernprozess.

Selbstgesteuertes Lernen kann nur dann gelingen, wenn die Lernenden ihr Lernverhalten, ihre Lernstrategien und ihren Lernbedarf kennen. Diese Fähigkeit zum selbstgesteuerten Lernen ist per se aber nicht vorhanden, sondern ist ein Lernprozess, indem insbesondere durch Anleitung zur Metakognition, eine Selbstwahrnehmung erlernt wird, die zum Beobachten und Nachdenken der individuellen Lernkompetenz und Motivation anregen. Eine solche Selbstwahrnehmung zu erlernen, erfordert in der Regel die Mithilfe aufmerksamer Mentorinnen und Mentoren. Die Begleitung des Lernprozesses muss also vielmehr in den Vordergrund geschoben werden. Blended Learning-Ansätze können in die richtige Richtung weisen, wenn das Subjekt im Lernprozess stärker in den Blick rückt.

Wie kann man bei der Feststellung von Unterschieden in Zugangsweisen, Nutzer/Innenverhalten, Lernstrategien, Lern- und Kommunikationsstilen u.ä. geschlechtsstereotypische Festschreibungen (die Frauen, die Männer) vermeiden helfen?

Leitmotiv für die Bildungsarbeit ist das Potenziale-Konzept, das von Metz-Göckel und Roloff entwickelt wurde. Das Potenziale-Konzept geht davon aus, dass Frauen und Männer prinzipiell über die gleichen Potenziale verfügen, jedoch die Potenzialentfaltung durch soziale Einflüsse und strukturelle Rahmenbedingungen bedingt wird. Geschlechtszugehörigkeit besitzt frau oder mann nicht per se, sondern Geschlechtszugehörigkeit wird in Interaktionsprozesse immer wieder hergestellt. Dieser Prozess wird durch den Doing-Gender-Ansatz erklärt: Das Geschlechterverhältnis wird als ein interaktiver Prozess der wechselseitigen Herstellung oder Konstruktion von Geschlecht in der Alltagswelt gesehen.

Konkrete Handlungsleitlinien sind:

  • Bewusster Umgang mit Geschlechterrollenstereotypen als wichtige Qualifikation für Trainer und Trainerinnen, um Steroetypen aufzubrechen
  • Sichtbarmachen von weiblichen Lebensweisen in der Bildung.

Dies sollte in Lerninhalten, in einer gendergerechten Sprache, Bildern, Beispielen einfließen.

Wie werden diese Unterschiede in den jeweiligen Projekten methodisch-didaktisch berücksichtigt?

Frauen ans Netz macht die Unterschiede nicht zum Thema des Kursangebots, sondern bietet ein didaktisches Konzept für Weiterbildungseinrichtungen an, das auf die Lernbedürfnissen der Frauen konzipiert ist.

Worin besteht die Besonderheit des jeweiligen methodisch-didaktischen Ansatzes ? auch unter dem Aspekt von Gemeinsamkeiten/Verschiedenheit zu anderen Ansätzen?

Der dreistündige Einführungskurs Frauen ans Netz ist ein niedrigschwelliges Angebot für Frauen, damit sie ihre Ängste im Umgang mit dem Internet verlieren können. Sie erfahren, wie das neue Medium ihren Alltag unterstützen kann und dass die Welt des Internets durch den Weg der kleinen Schritte erlernbar ist.

Frauen ans Netz baut auf folgende methodische-didaktische Grundsätze:

  • Kursangebot von Frauen für Frauen anbieten: Trainerinnen als Vorbildfunktion
  • Entwicklung von Qualitätskriterien, die kleine Kursgruppen von 8 bis höchsten 10 Teilnehmerinnen gewährleisten und somit garantieren, dass jede Teilnehmerin einen eigenen PC mit aktueller Technikausstattung erhält.
  • In dem dreistündigen Basiskurs wird bei der Vermittlung von Medienkompetenz vornehmlich die Dimensionen Struktur- und Orientierungswissen sowie Mediennutzung behandelt.
  • Die Trainerinnen werden aufgefordert, für eine angenehme, angstfreie und motivierende Lernatmosphäre zu sorgen, in denen auch ?dumme Fragen? gestellt werden können.
  • Die Lerninhalte werden in Bezug zur Lebenspraxis gestellt. Der Nutzen des neuen Mediums für den Alltag wird klar in den Vordergrund gestellt.
  • Die Theorie wird nur soweit wie nötig eingeführt, technische Begriffe nicht vorausgesetzt und Erklärungen werden, wenn möglich, aus der Lebenswelt der Lernerinnen erklärt.
  • Die Trainerinnen werden motiviert auf die Lernbedürfnisse und das Tempo der Teilnehmerinnen einzugehen. Die Devise gilt: weniger Lehrstoff ist mehr Lernstoff.
  • Transparenter Lernprozess durch Vorstellung des Kurskonzepts zu Beginn der Veranstaltung als auch durch den modularen Aufbau, der sich auf den für den Kurs entwickelten Online-Kursseiten widerspiegeln.
  • Nach einem Lerninhalt folgt eine Übungssequenz, in der das Erlernte selbst ausprobiert und erfahren werden kann.
  • Öffentliche Räume für Frauen werden durch den FaN-Club geöffnet, in denen sie sich vorher nicht getraut haben (z. B. in die Internetcafes der Bibliotheken).
  • Nach Beendigung des Kurses werden die Teilnehmerinnen aufgefordert an einer Online-Befragung teilzunehmen. Die Evaluation fragt die Teilnehmerinnen, ob sie zufrieden waren mit dem Kurs, und nach den Bedürfnissen und zukünftigen Interessen für das Medium Internet.

Lassen sich aus den verschiedenen Ansätzen Empfehlungen für eine genderorientierte Methodik-Didaktik formulieren?

  • Geschlechterstereotypen aufbrechen und Bildungskonzepte entwickeln, in denen Frauen und Männer gleichermaßen ihre Kompetenzen und Bedürfnisse entwickeln können.
  • Bei der Auswahl der Lerninhalte, Themen und Beispiele die Lebensrealitäten und Interessen von Frauen und Männern einbeziehen
  • Neben dem Geschlecht auch Kategorien wie das Alter, Bildungshintergrund, Lebensformen und ethnische Herkunft einbeziehen.
  • Geschlechtergerechte Sprache, Bilder, Beispiele.
  • Nicht die Technik in den Vordergrund rücken, sondern den Nutzen und das Wissen für die konkrete Alltagstagsbewältigung zur Verfügung stellen.
  • Sensibilität der Unterrichtenden für eigene geschlechtsbezogene Einstellungen und Verhaltensweisen.
  • Rahmenbedingungen an die Lebensrealitäten von Frauen und Männern anpassen: Auswahl des Veranstaltungsort (Erreichbarkeit), zeitliche Rahmen, räumliche Ausstattung und Zusatzangebote

Literatur:

  1. Thoma, Susanne: Geschlechterperspektive bei der Vermittlung von Computer- und Internetkompetenz. Eine Bestandsaufnahme von Forschungsergebnissen, Hrsg: Frauen geben Technik neue Impulse e.V. Wirkstoff Verlag, Bielefeld 2004.
  2. Frauen und Männer in der IT-Ausbildung, Hrsg.: Frauen geben Technik neue Impulse e.V., Bielefeld 2003
  3. Derichs-Kunstmann, Karin. Auszra, Susanne: Von der Inszenierung des Geschlechterverhältnisses zur geschlechtsgerechten Didaktik: Konstitution und Reproduktion des Geschlechterverhältnisses in der Erwachsenenbildung, 1999
  4. Dickhäuser, Oliver: Computernutzung und Geschlecht. Münster, Berlin 2001
  5. (N)ONLINER Atlas 2004. Eine Topographie des digitalen Grabens durch Deutschland. Hrsg.: TNS Emnid und Initiative D21, Berlin 2004

Die Printversion des Readers kann unter folgender Adresse angefordert werden:

IAW - Universität Bremen
FVG-Mitte
Postfach 330 440
28334 Bremen
Fon: 0421-218 43 87 | Fax: 0421-218 45 60
cdorn@uni-bremen.de
www.iaw.uni-bremen.de

Der vollständige Reader zum Werkstattgespräch erscheint demnächst hier:
www.iaw.uni-bremen.de/fit-in-e-business/news/news_f.html

[09.09.2005]

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Heft 5: Internetnutzung von Frauen und Männern in Deutschland 2007, September 2007 [mehr]

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