Ärztlicher Rat im Netz: Die Qualität schwankt beträchtlich
Kein langes Sitzen im Wartezimmer, Zugriff auf Fachinformationen, fragen können ohne Ende. Gesundheitsportale im Internet sind beliebt. Doch wie sind seriöse Seiten von unseriösen zu unterscheiden?
"Es gibt nach wie vor sehr viel Schrott im Netz", sagt Manfred Diensberg, IT-Beauftragter des Berufsverbandes der Allgemeinärzte Deutschlands gegenüber dem Computermagazin heise online. Darunter seien zum Beispiel kommerzielle Anbieter, die vor allem Medikamente verkaufen wollen; Ärzte, die Ferndiagnosen erstellen oder Esoteriker, die gefährliche Therapien empfehlen.
Besondere Vorsicht sei bei Krankheiten mit hohem Leidensdruck wie Krebs, Aids und Arthritis sowie bei Diätprodukten geboten, äußert sich Gunther Eysenbach von der Forschungsgruppe Cybermedizin an der Universität Heidelberg gegenüber heise online. Denn hier tummeln sich im Web besonders viele Geschäftemacher und Abzocker, die die Verzweiflung chronisch und unheilbar kranker Patienten ausnutzen. Eysenbach rät, sich mehrfach abzusichern und die Informationen mit anderen Websites zu vergleichen.
Gründlich sollte die Qualifikation der AutorInnen geprüft und auf das Datum der Veröffentlichung geachtet werden. "Medizinische Information veraltet schnell, und eine Publikation von vor zwei Jahren ist bei der Dynamik der medizinischen Forschung oft schon veraltet", warnt Eysenbach. Websites ohne Kontaktadresse und Autorennamen seien prinzipiell mit größter Vorsicht zu genießen.
Verbund zur Sicherung von Qualität
In einem Pilotprojekt versucht zur Zeit der Verbund "Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem" (Afgis) mit einem Logo auf deutschen Internetseiten für Qualität zu sorgen. Rund 100 Organisationen wie Krankenkassen, Ärztevereinigungen oder Berufsverbände sind dem Verbund angeschlossen. Seit Anfang April soll mit dem Logo garantiert werden, dass Verfasser und Quelle der Informationen sowie kommerzielle Interessen deutlich erkennbar sind. Eine Selbstverpflichtung und gegenseitige Kontrolle soll für die Einhaltung dieses Anspruchs sorgen.
Damit möchte sich die Forschungsgruppe Cybermedizin der Universität Heidelberg unter Eysenbachs Leitung nicht begnügen. Seit mehreren Jahren wird in einem internationalen Projekt an dem Gütesiegel (MedCERTAIN/MedCIRCLE) gearbeitet. MedizinerInnen, Selbsthilfegruppen und Verbraucherverbände sowie unabhängige ExpertInnen sind ab Ende Mai an für die Bewertung und Zertifizierung der Gesundheitsportale verantwortlich. "Oberstes Ziel ist es, Transparenz herzustellen", so Eysenbach.
virtuelle Kunstfehler
Zur Zeit sind virtuelle Kunstfehler aber noch Alltag im Netz. Die Stiftung Warentest in Berlin hat im letzten Jahr 30 Gesundheitsportale von Experten und Laien testen lassen. Die Qualität der Informationen schwankte dabei sogar bei renommierten Websites stark. So war das Portal netdoktor.de Sieger beim Thema Prostata, bekam aber bei den Informationen über Brustkrebs nur ein "mangelhaft". Und beim Thema Zecken schnitt die Seite eines Schulprojekts gemeinsam mit einem großen Pharmaunternehmen am besten ab.
Hohe Qualität, so heise online, bieten derzeit etwa die Internetseiten unter www.almeda.de des Unternehmens Arztpartner Almeda. Der ärztliche Ratschlag per Telefon (1,86 Euro pro Minute) und eMail (23 Euro) ist allerdings nicht billig. Etwa 40 ÄrztInnen und MedizinjournalistInnen sind für die Beratung und Beschaffung von Informationen zuständig. Schwerpunkt sind vor allem die betreuten Diskussionsforen.
Bei dem Angebot unter www.qualimedic.de des Unternehmens qualimedic werden Fachforen etwa zu den Themen Herz und Gefäße, Asthma oder Zähne angeboten. Außerdem gibt es das Wartezimmerforum. Hier wird ohne Kommentar von ExpertInnen diskutiert.
Auf eine große Menge von Fachärzten kann unter www.gesundheitsscout24.de in Köln zurückgegriffen werden. E-Mail Anfragen sollen innerhalb von 48 Stunden beantwortet werden.
Das Unternehmen BertelsmannSpringer Medizin Online kann bei den beiden Websites www.yavivo.de und www.lifeline.de auf die umfangreiche Fachliteratur und die ExpertInnenn des Verlages bauen. Lifeline.de beschäftigt sich vor allem auf Wellness- und Fitness-Themen und wurde von der Stiftung Warentest mit "gut" benotet.
[28.02.2005]


